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Erlebnisberichte zum Compassion

Erstellt von Südkurier, Jörg Büsche | |   Gymnasium

Soziales Lernen beginnt im Gymnasium am Bildungszentrum (BZM) bereits in der fünften Klasse. Die Schüler sollen erfahren, wie sie zu einer Gemeinschaft werden. Auf dem Programm stehen Projekte zur Gewaltprävention und gegen Mobbing. In jeder Klassenstufe gibt es andere Inhalte zu sozialen Themen.

Anfänge des Sozialpraktikums vor 15 Jahren

Auf die Zehnt- beziehungsweise Elftklässler wartet schließlich ein Sozialpraktikum. Zwei Wochen lang besuchen die 16- und 17-jährigen Schüler des BZM-Gymnasiums soziale Einrichtungen. Sie helfen mit beim Betreuen von psychisch Kranken, körperlich Beeinträchtigten oder pflegebedürftigen Senioren. Lehrer Bernhard Oßwald organisiert das Sozialpraktikum seit den Anfängen vor 15 Jahren mit. "Zur Berufsorientierung dient das nicht in erster Linie“, erzählt er.

Viele positive Erwartungen wurden erfüllt

Zum Abschluss des "Compassion-Projekts", wie das Sozialpraktikum auch genannt wird, berichten die Schüler von ihren Erfahrungen und ziehen ein persönliches Fazit. Bei der Frage, ob das Sozialpraktikum für sie einen Gewinn darstellt, lautet das Votum der Klasse 11a 19 zu eins. Nur ein Schüler hat seinen Punkt bei „Nein“ aufgeklebt. Ebenso klar bestätigen die 16- und 17-Jährigen, dass ihre positiven Erwartungen an das Projekt erfüllt worden sind. Einhellig fällt auch ein weiteres Fazit aus: Für keinen der 20 Schüler haben sich während des Praktikums die vorherigen Sorgen erfüllt, ihnen könnte im Pflegeheim, in der Psychiatrie oder in der Einrichtung für Menschen mit Behinderung Unangenehmes begegnen.

Einige Schüler waren anfangs skeptisch

Sarah erinnert sich noch gut an ihre anfängliche Skepsis: „Muss das jetzt wirklich sein?“, habe sie sich gefragt. Die 16-Jährige steht zusammen mit den anderen Schülern, die ihr Praktikum ebenfalls in einer Einrichtung für psychisch Erkrankte absolviert haben, vor der Klasse. Sie habe nicht gewusst, was auf sie zukommt, erzählt sie. Doch mehr als einige Sonderbarkeiten seien es nicht gewesen. Später berichtet Sarah, dass sich ein Patient auf den Boden geworfen habe, um einen Anfall zu simulieren – quasi als Test für die Neue.

Begegnungen mit Gleichaltrigen berühren die Jugendlichen besonders

Was offenbar die meisten Schüler berührt hat, die ihr Sozialpraktikum in Psychiatrie-Einrichtungen geführt hatte, war das Zusammentreffen mit Gleichaltrigen. Mit jungen Menschen, mit denen sie sich häufig ganz normal unterhalten konnten. Die kleinen Ticks ihrer Altersgenossen gerieten dann bald aus dem Blickfeld, erzählen viele der Schüler.

Kaum negative Erfahrungen

Durchaus unterschiedlich wurde die Betreuung durch das Pflegepersonal wahrgenommen. Die Urteile der Schüler reichen von "nicht viel Unterstützung", sodass sie von selbst auf Patienten zugehen mussten, bis hin zu "intensive Anleitung". In der 11a gab es während des 14-tägigen Compassion-Projekts offenbar keine negativen Erfahrungen. Das Gros der Schüler berichtet von einer großen Offenheit, mit der ihnen begegnet worden sei.

Abbau von Berührungsängsten als Gewinn für die Schüler

Der Gewinn, den die Jugendlichen aus dem Projekt gezogen haben, bestand laut ihren Aussagen im Abbau von Berührungsängsten – egal ob diese sich auf alte Menschen, psychisch Erkrankte oder körperlich Beeinträchtigte bezogen hatten. Und Compassion-Koordinator Bernhard Oßwald berichtet noch von einem weiteren Effekt: „Viele meiner Kollegen waren ganz erstaunt, welche ganz neuen, ganz anderen Seiten sie an ihren Schülern erleben“, erzählt er.

Für Oßwald ist es keine Frage: „Das Compassion-Projekt weckt in den jungen Menschen die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, die Hilfe brauchen.“ Es sei ein sinnvolles Gegengewicht „gegen die verbreitete Ego-Orientierung in unserer Gesellschaft“, sagt der Lehrer.

Schülerstimmen

"Ich war in einer Camphill-Schulgemeinschaft in Föhrenbühl. Das habe ich mir selber ausgesucht – und bin froh, dass ich dort hindurfte. Als Kind hatte ich schon Berührung mit Behinderten und mir war ziemlich klar, was mich erwartet. Ich habe viel gelernt dabei."

"Mich hat es zur Seniorenpflege gezogen. Auch ich habe mir das ganz bewusst ausgesucht. Meine Überlegung war: Womit werde ich am meisten zu tun haben? Das werden aller Voraussicht nach die älteren Menschen sein. Also wollte ich mehr erfahren. Mich hat überrascht, wie abwechslungsreich die Begegnung war. Meine Sicht auf Senioren hat sich komplett verändert."

"Das ZfP Weißenau habe ich mir selber ausgesucht. Psychisch Kranken bin ich bis dahin nie begegnet und ich wollte mehr erfahren. Ja, irgendwie habe ich das auch als Herausforderung betrachtet. Insgesamt waren alle sehr nett zu mir. Überhaupt waren die Leute alle ziemlich offen. Mein Bild hat sich sehr verändert."

"Ich war im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Überlingen. Dort habe ich auch ganz bewusst hingewollt. Vor allem, weil ich Freunde und Bekannte habe, die unter Traumata leiden. Mich haben die Therapie-Möglichkeiten interessiert. Rückblickend würde ich sagen, das Praktikum war eine wichtige Erfahrung für mich."

"Auch mir sind alle mit großer Offenheit begegnet. Ich war auf dem Lehenhof in der Holzwerkstatt. Holz interessiert mich als Werkstoff. Was mich anfangs irritiert hat, war, dass Ältere sich auch kindlich verhalten können. Eine ganz neue Erfahrung. Beeindruckt hat mich die sehr, sehr herzliche Art der Leute."

"Essen, spielen, eigentlich viel Entertainment – das war mein Aufgabenbereich im Friedrichshafener Franziskus-Zentrum. Man muss dafür sorgen, dass die pflegebedürftigen Senioren körperlich fit bleiben. Gelernt habe ich vor allem, dass älteren Menschen etwas mehr Geduld entgegengebracht werden muss. Dann geht eine Menge."

Quelle: Südkurier, 7.3.2019, https://www.suedkurier.de/10074469

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